Ostfriesisches Klinik Journal

Für den Erhalt wohnortnaher Krankenhäuser

Schiffbruch zwischen den Inseln

msw_300okj-Kommentar
von Margitta Schweers

Die meis­ten in mei­nem Umfeld ken­nen mei­nen Spruch: „Ich wollt doch nur Unter­schrif­ten sam­meln.…“ Im Febru­ar hab ich mich empört auf die Stras­se bege­ben, bewaff­net mit Unter­schrif­ten­lis­ten, weil ich mir nicht vor­stel­len konn­te, dass drei Städ­ten ihr Kran­ken­haus weg­ge­nom­men wird. Ich bin gesund, ok mei­ne Toch­ter nicht und für die fah­re ich weit in Deutsch­land her­um, um für Gesun­dung zu sor­gen. Das klappt nicht in Ost­fries­land und ich neh­me es in Kauf, dass für beson­de­re Behand­lung beson­de­re Fahrt­zei­ten zu leis­ten sind. Wenn wenigs­tens die Grund­ver­sor­gung hier stimmt. Aber ich frag mich natür­lich, war­um ich das über­haupt so akzep­tiert habe? War­um ich brav wie die ande­ren Schäf­chen den Mund hal­te?

JWI A 0672Das war für mich der Anfang einer lan­gen Rei­se ins Gesund­heits­sys­tem des Land­krei­ses Aurich. Es folg­ten Gesprä­che. Mit Men­schen, Pati­en­ten, Wirt­schafts­in­ter­es­sier­ten, Rechts­be­ra­tern, Medi­zi­nern von Kran­ken­haus und dem Umfeld, Poli­ti­kern. Das Resul­tat aus den Gesprä­chen ist leicht zusam­men­zu­fas­sen: Es gibt Pro­ble­me!

Was auch immer zu der Schief­la­ge hier geführt hat, soll mal völ­lig egal sein. Ich will hier nicht ein­ge­hen auf feh­len­de Infor­ma­ti­on, feh­len­des Gespräch, feh­len­de Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft, Inkom­pe­tenz und man­geln­de Aus­bil­dung auf der Füh­rungs­ebe­ne. Ich schieb das mal blind zur Sei­te.

Ich beschäftige mich lieber mit Inseln!

JWI G 2520Falsch aus­ge­drückt – mit Insel­lö­sun­gen. End­lich sind die Kran­ken­haus­ärz­te erhört wor­den. Den Kran­ken­haus-Ärz­ten dürf­te es zu bunt gewor­den sein. Sie haben einen wich­ti­gen Job zu erfül­len. Leben ret­ten auf höchs­tem Niveau. Genau das ist es, was sie gelernt haben und was wich­tig ist. Wenn da nicht die blö­de Buch­füh­rung wäre. Und die­se Ärz­te sind wich­tig. Sie sind doch in schlimms­ten Situa­tio­nen die letz­te Ret­tung.

Und da die schiff­brü­chi­ge Füh­rungs­ebe­ne der­zeit ja ver­zwei­felt im Meer der neu­en Abrech­nungs­sys­te­me und Gesetz­ge­bun­gen rudert, erstrah­len die Medi­zi­ner der Kran­ken­häu­ser plötz­lich als ein­zi­ger Ret­ter. Muss ja auch so wir­ken, jeder kennt das Bild des Ver­durs­ten­den, der in der Wüs­te plötz­lich die saf­tig-grü­ne Insel ent­deckt. Doch das ist eine trü­ge­ri­sche Insel, denn meist steckt eine Fata Mor­ga­na dahin­ter.

Bli­cken wir mal auf die Medi­zi­ner der Kran­ken­häu­ser. Da wird mir doch im Gespräch von Ärz­ten mit­ge­teilt:

 

  • 80 Pro­zent der soge­nann­ten Pati­en­ten hat in der Not­fall-Auf­nah­me nichts zu suchen!
  • 80 Pro­zent der soge­nann­ten Pati­en­ten hat in einer Inne­ren-Abtei­lung des Kran­ken­hau­ses nicht zu suchen!

 

Ich den­ke, die­se Aus­sa­ge wird auf den geneig­ten Leser erst mal wir­ken müs­sen,  wie auch auf mich, als ich das das ers­te Mal gehört habe.

JWI G 2344Kämp­fe­risch hab ich geant­wor­tet, dass es um Men­schen geht, die dort sehr wohl eine Daseins­be­rech­ti­gung haben, die dort Hil­fe erhal­ten, die sie nötig brau­chen. Das sind doch kei­ne Kri­mi­nel­len, die sich Leis­tun­gen erschlei­chen!! Das mil­de „Ach Frau Schweers“ hab ich noch immer im Kopf und auch die Erklä­rung der Ärz­te, dass die Leis­tun­gen, die das Kran­ken­haus dort erbrin­gen muss, auch von den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten erbracht wer­den könn­te. So ist dann die Pla­nung, die das even­tu­el­le Zen­tral­kli­ni­kum beglei­ten wird. Schnib­beln unter höchs­ter und aku­ter Gefahr für Leib und Leben oder Gross­ein­grif­fe – bes­ten­falls noch Rou­ti­ne­ein­grif­fe, die unter Voll­nar­ko­se statt­fin­den. Frei nach dem Mot­to: „Wir sind Hel­den“ und danach weg mit dem Pati­en­ten zum nächs­ten Behand­ler.

Das mag aus Insel-Sicht des Kran­ken­haus­arz­tes so stim­men – leuch­tet auch ein, dass Schnitt­ver­let­zun­gen und Baga­tell­krank­hei­ten nichts im Kran­ken­haus zu suchen haben. Viel­leicht defi­niert der Pati­ent das Kran­ken­haus auch falsch. Viel­leicht soll­te die Bezeich­nung auf Schild vor dem Kran­ken­haus „letz­ter Schnitt­platz vor Fried­hof“ lau­ten.  Das Leben eines Kran­ken­haus-Arz­tes macht doch erst Sinn, wenn er die Hüf­te erset­zen kann oder wenigs­tens ein net­tes Kar­zi­nom aus dem Gewe­be schä­len darf. Leuch­tet ein. Tra­gen wir den Pati­en­ten also zur nächs­ten Insel.

Auf zu den niedergelassenen Ärzten

Nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te kön­nen sich gar kein Urteil bil­den – es fehlt an, wen wun­derts (?) – Infor­ma­tio­nen.

ganz_schoen_spitzfindig_101017_1855Was ich dort höre, ist eben­so erstaun­lich! Da wird von blu­ti­gen Ent­las­sun­gen gespro­chen – Men­schen tau­chen in Pra­xen auf mit den Wor­ten: „Ich komm aus dem Kran­ken­haus und soll mich noch am glei­chen Tag beim Haus­arzt mel­den.“ Ent­las­sungs­brief? Fehl­an­zei­ge! Was für den Haus­arzt dann folgt ist eine Gesamt­un­ter­su­chung, die er sich abrech­nungs­tech­nisch sel­ber zah­len darf, denn der Pati­ent ist ja behan­delt – nur noch nicht fer­tig… Und neben­her muss der Arzt dann viel­leicht diver­se Schnitt­ver­let­zun­gen und chro­nisch Kran­ke behan­deln. Eine Platz­wun­de nähen?  Ist das nun ein Not­fall aus Sicht des Kran­ken­hau­ses oder nicht? Irri­ta­ti­on macht sich auf der Insel breit.

Wie oft näht man in so einer Haus­arzt­pra­xis? Steht dort genü­gend Ste­ril­gut zur Ver­fü­gung? Etwa eine Spe­zi­al-Hel­fe­rin, die assis­tiert? Was soll der nie­der­ge­las­se­ne Arzt tun, wenn auf einer ört­li­chen Fei­er die berühm­te Fla­sche auf dem Kopf eine Nar­be im Gesicht hin­ter­las­sen hat. Das ist ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen, dort eine mög­lichst hüb­sche Naht zu pro­du­zie­ren, damit es spä­ter nicht zu Regress­for­de­run­gen durch den Pati­en­ten kommt. Wer näht schon gern im Gesicht? Wel­che medi­zi­ni­schen Gerä­te muss ein nie­der­ge­las­se­ner Arzt anschaf­fen, um vor­her ana­ly­sie­ren zu kön­nen, was rich­tig und wich­tig ist? Und es gibt auch auf die­ser Insel den wirt­schaft­li­chen Aspekt.

Budget, Budget, Budget.…

Taschenrechner-201020504037Na klar – die nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te sind auch ein­ge­schränkt. Ihr Mass an zuge­teil­ten Pati­en­ten ist mehr als voll. „Dann müs­sen mehr Ärz­te her – das ist mal klar“ – mir als Unter­schrif­ten­samm­le­rin leuch­tet nur das als Lösung ein. Falsch – mehr Ärz­te gibt’s nicht – die Zutei­lung an nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten ist nahe­zu aus­ge­schöpft. Und so höre ich zusätz­lich noch von, durch den Land­kreis, auf­ge­kauf­ten Pra­xen und Kli­ni­ken. Ich höre von Ärz­ten, die hier zwar behan­deln möch­ten, aber kei­ne Zulas­sung bekom­men. Von Fach­ärz­ten, die plötz­lich nicht mehr am Kran­ken­haus sind, dort aber ihre Pati­en­ten hat­ten. Die­se Pati­en­ten kom­men klamm heim­lich auch noch zu den Kas­sen­ärz­ten…

Ganz schö­nes Durch­ein­an­der auf die­ser Insel – ob ich mei­nen Pati­en­ten hier able­gen möch­te???

Gibts noch ande­re Inseln?

Pfle­ge­ri­sches oder the­ra­pie­ren­des Per­so­nal?
Klar – aber die hel­fen nur bei der Nach­sor­ge – und zwar punk­tu­ell und knapp bemes­sen.

Es sei mir gestat­tet, dass ich etwas irri­tiert bin. Auf wel­che Insel schlep­pe ich denn nun mei­nen Pati­en­ten? Wo gibt’s die Hil­fe und Hei­lung, auf die er Anspruch hat? Immer mehr erscheint es mir, als wür­de nun ungleich ver­teilt.

Jetzt nur den Überblick nicht verlieren!

JWI G 2537Auf mich pras­seln Ein­drü­cke nie­der und ich begin­ne zu ver­ste­hen, wie kom­plex das The­ma Gesund­heits­vor­sor­ge eigent­lich ist – vor allem hier in Ost­fries­land. Lan­ge Zeit wur­den vor Umstruk­tu­rie­run­gen und medi­zi­ni­schem Fort­schritt die Augen ver­schlos­sen – ver­mut­lich aus Grün­den der Über­for­de­rung. Den Filz, der manch­mal als loka­les Pflas­ter die­nen soll­te, erwäh­ne ich zwar, aber las­se ihn unkom­men­tiert.

Als Krö­nung und Beloh­nung eines guten Wider­stands­kämp­fers darf man wohl das Regio­nal­ge­spräch betrach­ten. Man ist gela­den – wütend – vor­be­rei­tet! Weiss, wel­che Per­so­nen mit Filz­pflas­tern ope­rie­ren, weiss über die Ver­gan­gen­heit und die Fehl­hand­lun­gen. Und da steht dann plötz­lich der Tou­ris­tik-Exper­te in Sachen Insel­lö­sun­gen vor einem. Der Staats­se­kre­tär! Sein Ziel wird klar – nach kur­zer Zeit! Auch er sieht die Insel der Kli­nik­ärz­te als rich­tig und wich­tig an. Letz­te Zwei­fel müs­sen aus­ge­räumt wer­den und mun­ter ver­spricht er Lösun­gen. Ein Ärz­te­haus in drei Städ­ten muss her – eine wei­te­re Insel muss geschaf­fen wer­den. Die bis­he­ri­gen Inseln mit all ihrer Fehl­be­wirt­schaf­tung ver­schwin­den auf dem Mee­res­bo­den – wie Atlan­tis. Die Rei­se nach Zen­tral­kli­nik-Island scheint gebucht zu sein – kei­ne Alter­na­ti­ven mehr mög­lich. Aber lei­der ist die­ser Auf­ent­halt nicht all-inclu­si­ve buch­bar.

Poli­ti­ker, beschäf­tigt Euch auch mal mit den Pau­schal-Tou­ris­ten des Gesund­heits­sys­tems.

JWI G 0436Nun sei mir, als Laie, ein kur­zer Ver­schnauf­mo­ment gestat­tet. Ich ver­su­che, mich wie­der auf die Gege­ben­hei­ten zu kon­zen­trie­ren – was mich dabei behin­dert, ist der blö­de Pati­ent. Nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te gibt’s zu wenig – und deren Bereit­schaft, sich durch Wochen­end- oder Fei­er­tags­dienst auch noch das knap­pe Bud­get zu zer­schies­sen, geht gegen Null. Wer soll also in die­sen Ärz­te­häu­sern sit­zen, die kom­men sol­len? Wel­che Qua­li­fi­ka­ti­on und Aus­stat­tung sol­len der Pati­ent dort fin­den?  Kran­ken­haus-Ärz­te arbei­ten zu Recht nicht unter Niveau. The­ra­peu­ten und Pfle­ge­diens­te sind bis über bei­de Ohren voll. Kran­ken­häu­ser arbei­ten der­zeit wirt­schaft­lich grot­ten­schlecht.

Argu­men­ta­tio­nen von allen Inseln gehen sogar so weit, dass der Pati­ent als lebens­un­taug­lich dar­ge­stellt wird. Frü­her sei  man doch auch nicht wegen jedem Pipi­fax zum Arzt gerannt.… Spä­tes­tens jetzt sei mir gestat­tet, ein deut­li­ches HALT in die Land­schaft zu brül­len. Ich ver­ste­he, dass in die­sen Zei­ten jede Insel einen hohen Zaun braucht, um nicht über­be­völ­kert zu wer­den. Aus­län­der­po­li­tik mal anders. Ich als Bür­ger darf auf jeder Insel die Fra­ge stel­len: Und was ist mit dem Pati­en­ten? Und solan­ge ich auch nur auf einer ein­zi­gen Insel Ach­sel­zu­cken sehe, stimmt was an der Gesamt­pla­nung nicht.

Ich erwar­te, dass sich die Ent­schei­der mal in ein Flug­zeug set­zen und die Welt von oben, mit  den Augen des Bür­gers, betrach­ten. Das nennt man wohl betriebs­wirt­schaft­lich: Den Bedarf ermit­teln. Und das bedeu­tet nicht, dass die Ent­schei­der von oben die spär­lich gefüll­te Geld­bör­se auf eine der Inseln her­abplump­sen las­sen sol­len.

JWI G 0615Ich erwar­te, dass ein ver­nünf­ti­ges Kon­zept erstellt wird, das Brü­cken baut zwi­schen den Inseln. Zum Woh­le des Pati­en­ten klingt etwas dra­ma­tisch und wirkt auf den Medi­zi­ner im Arbeits­all­tag wie eine Fröh­lich­keits­pil­le – soll­te aber über allem ste­hen. Und ich erwar­te, dass ein bedarfs­ge­rech­tes Kon­zept erstellt wird. Ich bin dabei als Laie sogar bereit, über die Benen­nung oder die Plat­zie­rung des Sys­tems zu ver­han­deln. Es ist völ­lig egal, ob die wohn­ort­na­he, voll­um­fäng­li­che Ver­sor­gung in einem Kran­ken­haus statt­fin­det oder in einer Tele­fon­zel­le mit exklu­siv befüll­tem Ers­te-Hil­fe­kas­ten. Aber sie hat statt­zu­fin­den – und zwar gut, auf wün­schens­wert hohem medi­zi­ni­schen Niveau. Und es darf mir als Pati­en­ten dabei völ­lig egal sein, wer sich finan­zi­ell dar­um küm­mert! Am Ende zah­len wir Pati­en­ten es ohne­hin über unse­re Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge.

JWI G 2546Es ist Zeit, ein Kon­zept zu ent­wi­ckeln (oder andern­orts abzu­gu­cken), was für den Pati­en­ten die Lin­de­rung und Hei­lung sei­ner kör­per­li­chen Beschwer­den mit sich bringt. Und wenn es die Zen­tral­kli­nik wer­den soll, so darf so ein Kon­zept nicht ein­bei­nig wer­den und alle ande­ren Punk­te, bei denen es schon lan­ge hapert, ein­fach aus­ser Acht gelas­sen wer­den. Spä­tes­tens jetzt ist es an der Zeit, mal zu prü­fen, wo wir in Ost­fries­land über­haupt medi­zi­nisch ste­hen. Auch und beson­ders, weil es noch lan­ge dau­ert, bis eine even­tu­el­le Zen­tral­kli­nik die Türen öff­nen soll. Was pas­siert unter­des­sen? Wer­den für die Pla­nungs- und Bau­zeit alle Pati­en­ten nach Mal­lor­ca geschickt??

Bevor nicht eine trag­fä­hi­ge Lösung für das JETZT – also für das Hier und Heu­te ent­wi­ckelt wird, die sowohl die Nach­sor­ge der Kran­ken­haus­fäl­le sowie eine Not­fall-Ver­sor­gung der „Bagatell“-Notfälle, die Pfle­ge, die kur­zen Wege zu einer Behand­lungs­stel­le etc. gere­gelt sind, schliesst sich eine Dis­kus­si­on über eine Zen­tral­klink aus – oder anders gesagt: Die Insel wird ver­senkt! Und zwar ohne einen ein­zi­gen Blick auf irgend­ei­nen Rei­se­ka­ta­log zu wer­fen, der vor dem Urlaubs-Wohn­mo­bil rum­liegt.

JETZT braucht der Pati­ent die Behand­lung, die ihm zusteht. Da hilft es auch nicht, dass zukünf­tig die Insel eine neue Haus­num­mer erhält, wenn man die eigent­li­chen Pro­ble­me nicht erkannt hat oder erken­nen will. Wäh­rend sich die Poli­tik über Begriff­lich­kei­ten und Finan­zie­rung unter­hält, unter­hal­ten wir Kri­ti­ker uns über den Pati­en­ten. Und trotz der der­zei­ti­gen Hit­ze wer­den wir nicht müde, eben die­sen Pati­en­ten in den Vor­der­grund zu stel­len.


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