Ostfriesisches Klinik Journal

Für den Erhalt wohnortnaher Krankenhäuser

Bürgerentscheid Zentralklinik rückt näher

Tom Figiel

Aurich (oz/on/ok/okj) – Am kom­men­den Mitt­woch (26.10.) sol­len die Hür­den für Bür­ger­be­geh­ren in Nie­der­sach­sen gesenkt wer­den. Dann wird der Land­tag das Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­ge­setz ändern. Bür­ger­initia­ti­ven müs­sen dann kei­nen Kos­ten­de­ckungs­vor­schlag mehr vor­le­gen. Dar­an war das Bür­ger­be­geh­ren zur Zen­tral­kli­nik im März die­ses Jah­res geschei­tert.

Das Gesetz soll am 1. Novem­ber die­ses Jah­res in Kraft tre­ten. Wird die Geset­zes­än­de­rung wie von der Lan­des­re­gie­rung vor­ge­schla­gen vom Par­la­ment beschlos­sen, könn­te es Früh­jahr 2017 einen Bür­ger­ent­scheid zur Zen­tral­kli­nik geben. Die­se soll 2022 in Betrieb gehen, wobei die bestehen­den Kran­ken­häu­ser in Emden, Nor­den und Aurich geschlos­sen wer­den.

220px-landtag_niedersachsen_dscf7505In einem Pres­se­ge­spräch begrüß­te der SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Wiard Sie­bels, dass die Hür­den für Bür­ger­be­geh­ren gesenkt wer­den sol­len. Sie­bels, der eine Zen­tral­kli­nik befür­wor­tet, hat­te nach eige­nen Anga­ben schon vor der öffent­li­chen Dis­kus­si­on über die­se Pla­nun­gen intern gefor­dert, dass bei der­ar­ti­gen Ent­schei­dun­gen die Bür­ger von Anfang an ein­be­zo­gen wer­den müss­ten.

Auch Nie­der­sach­sens Sozi­al­mi­nis­te­rin Cor­ne­lia Rundt hat­te mehr­fach betont, dass neben den rein wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz des Pro­jek­tes bei der Bewil­li­gung der För­der­gel­der eine Rol­le spie­len wer­de.

Noch als Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ke­rin im nie­der­säch­si­schen Land­tag hat­te Rundt im Dezem­ber 2012 erklärt, dass sich ein Land wie Nie­der­sach­sen ein Kli­nik­ster­ben nicht leis­ten kön­ne. Die Situa­ti­on in der Flä­che sei dra­ma­ti­scher als in groß­städ­ti­schen Bal­lungs­räu­men. Auch vor dem Hin­ter­grund des demo­gra­fi­schen Wan­dels müs­se die orts­na­he Ver­sor­gung sicher­ge­stellt blei­ben. Dies ist auch ein wich­ti­ger Stand­ort­fak­tor, so Rundt damals.

100 Mio. für bestehende Krankenhäuser
250 Mio kostet ein neues

machbarNach Berech­nun­gen der BDO-Bera­ter­ge­sell­schaft stan­den 2014 alle drei Kran­ken­häu­ser vor einem Inves­ti­ti­ons­stau in Höhe von 98,36 Mio. Euro. Ent­spre­chend ihres Auf­tra­ges hat­te die BDO in einer soge­nann­ten Mach­bar­keits­stu­die auf­ge­zeigt, dass es län­ger­fris­tig wirt­schaft­li­cher wäre, die drei Häu­ser zu schlie­ßen und für 250 Mio. Euro eine Zen­tral­kli­nik in Georgs­heil zu errich­ten.

Mitt­ler­wei­le wird auch berück­sich­tigt, dass die rei­nen Bau­kos­ten zwi­schen 5 und 10 Pro­zent höher aus­fal­len könn­ten. Mög­li­che Fol­ge­kos­ten sowie Inves­ti­tio­nen zur Erschlie­ßung der Infra­struk­tur für eine Zen­tral­kli­nik auf der Grü­nen Wie­se, waren nicht Bestand­teil des BDO-Auf­tra­ges.

Krankenhäuser in Aurich und Norden sind keine ”abrissreifen Klitschen”
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Wach­sen­der Ver­dacht: Über­all im Lan­de wer­den klei­ne Kran­ken­häu­ser auch ”von intern” schlecht gere­det.

Die Ent­schei­dung für oder gegen eine Zen­tral­kli­nik müs­se jetzt auf schnells­tem Wege einem Bür­ger­ent­scheid zuge­führt wer­den, erklär­te der Vor­sit­zen­de des För­der­ver­eins der UEK am Stand­ort Nor­den, Jür­gen Wieck­mann, am ver­gan­ge­nen Diens­tag (19.10.). Alle Betei­lig­ten bräuch­ten jetzt Pla­nungs­si­cher­heit.

Der Ver­ein kün­dig­te zudem an, stär­ker für die guten Sei­ten des Nor­der Kran­ken­hau­ses zu wer­ben. Seit gerau­mer Zeit ver­fol­ge man zuneh­mend irri­tiert, wie inter­ne Ein­schät­zun­gen von Ärz­ten und Pfle­ge­per­so­nal die Run­de machen, nach­dem die Kran­ken­häu­ser im Land­kreis Aurich als „Klit­schen“ betrach­tet wer­den.

Beschimpfungen des Krankenhauspersonals unterträglich
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Dr. Chris­toph Schöt­tes: Bestehen­de Kli­ni­ken sind gut – nach­den­ken über die Zukunft medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung not­wen­dig

Der­ar­ti­ges wider­sprä­che den Ein­schät­zun­gen des Emder Inter­nis­ten Dr. Chris­toph Schöt­tes, sag­te Wieck­mann. Schöt­tes gilt als Vater des Gedan­kens Zen­tral­kli­nik und beto­ne immer wie­der, dass in Emden, Aurich und Nor­den bes­te medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung vor­hal­ten wer­de.

Auch Zen­tral­kli­nik-Spre­cher Claus Epp­mann ver­wah­re sich deut­lich gegen Erzäh­lun­gen, die die bestehen­den Kran­ken­häu­ser und dort arbei­ten­de Men­schen in Öffent­lich­keit schlecht reden. „Da kann auch Epp­mann auf offe­ner Büh­ne rich­tig aus­ras­ten“, berich­ten Mit­glie­der des Akti­ons­bünd­nis­ses.

Auf einer Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung in Hin­te hat­te sich Epp­mann mit deut­li­chen Wor­ten vor die Mit­ar­bei­ter der drei Kran­ken­häu­ser gestellt. Nach­dem aus dem Publi­kum die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in einem der Häu­ser aus per­sön­li­chen Erle­ben her­aus mit schar­fen Wor­ten kri­ti­siert wur­de, bezeich­ne­te Epp­mann der­ar­ti­ges als ”uner­träg­lich”. Die Mit­ar­bei­ter der Kran­ken­häu­ser leis­te­ten unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen eine her­vor­ra­gen­de Arbeit.

Politik setzt falsche Förderanreize

foerderDas Men­schen in ihren Kran­ken­häu­ser bis­wei­len Din­ge erle­ben, die nicht sein dürf­ten, kön­ne man nicht Ärz­ten und Pfle­ge­per­so­nal vor­wer­fen, beton­te auch Wieck­mann. Nicht nur in Nie­der­sach­sen, son­dern bun­des­weit sei­en die gesund­heits­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen in einer Wei­se gesetzt wor­den, die gera­de den klei­nen wohn­ort­na­hen Kran­ken­häu­sern die auch öko­no­mi­schen Grund­la­gen ent­zie­hen. Dies sei eine Pro­blem für Pati­en­ten und Medi­zi­ner gleich­ma­ßen. Grund dafür sei­en auch die durch die Poli­tik bestimm­ten und fal­schen För­der­an­rei­ze mit dem Geld der Steu­er­zah­ler.

Kein Widerspruch zu Dr. Schöttes

Wenn es offen­sicht­lich im Bereich des Mach­ba­ren sei, 250 Mil­lio­nen Euro für eine Zen­tral­kli­nik zu mobi­li­sie­ren, darf man die viel­leicht auch nur theo­re­ti­sche Fra­ge stel­len, war­um eine ver­gleich­ba­re pomberg-475x300Sum­me nicht für bestehen­de Häu­ser inves­tiert wer­den kön­ne – und zwar so, dass auch Dr. Schöt­tes halb­wegs zufrie­den sein könn­te, erklär­te Wieck­mann.

Mit Blick auf den kom­men­den Bür­ger­ent­scheid soll­te sich auch die Poli­tik im Land­kreis Aurich lang­sam auf einen Plan B ein­stel­len. Mög­li­cher­wei­se käme dann auch wie­der der Emder Kli­nik­chef Ulrich Pom­berg zu ehren, der bis zur Debat­te über die Zen­t­ra­kli­nik erfolg­los für eine gesamtost­frie­si­sche Lösung ein­trat. Hier wer­de man unter Umstän­den noch genau­er her­aus­zu­fin­den haben, wel­che Inter­es­sen­grup­pie­run­gen inner­halb und außer­halb Ost­fries­lands einen sol­chen Ansatz ver­hin­dert haben könn­ten.

Zentralklinik zementiert u.U. gesundheitspolitischen Anachronismus

saurierMit der Zen­tral­kli­nik lau­fe man der­zeit Gefahr, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes einen spe­zi­ell in Deutsch­land hin­läng­lich bekann­ten Ana­chro­nis­mus im Gesund­heits­sys­tem zu zemen­tie­ren. Die­ser tren­ne strikt zwi­schen ambu­lan­ter und sta­tio­nä­rer Ver­sor­gung. Den Kran­ken­häu­sern ist per Gesetz unter­sagt, Men­schen auch ambu­lant zu behan­deln. Die­ses dür­fen ledig­lich die nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te.

Ver­tre­ten wer­den die­se durch die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung. Die­se ist jedoch mehr, als eine rei­ne Inter­es­sen­ver­tre­tung die­ser Berufs­grup­pe, son­dern als Kör­per­schaft des Öffent­li­chen Rechts „Her­rin“ über die Mil­li­ar­den, die über die Kran­ken­ver­si­che­run­gen für Leis­tun­gen ambu­lan­ter Ver­sor­gung zu ver­tei­len sind. Kran­ken­häu­ser, die ihrer­seits über „ambu­lan­te Not­fall­ver­sor­gun­gen“ behan­deln, müs­sen die­se Kos­ten über die KV abrech­nen. Seit Jahr­zehn­ten führt die­ses immer wie­der zu Kon­flik­ten, da durch die­se Zah­lun­gen an Kran­ken­häu­ser das Bud­get für nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te redu­ziert wird.

 Poliklinik: Auflösung der Trennung stationär und ambulant ?
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Eigent­lich fal­sche Beschrif­tung. In länd­li­chen Regio­nen wer­den Not­fall-Ambu­lan­zen von den Bür­gern als Alter­na­ti­ve für feh­len­de Arzt­pra­xen genutzt.

Vor die­sem Hin­ter­grund sei die Bezeich­nung „Not­fall-Ambu­lanz“ bei Kran­ken­häu­ser eher ein  „juris­ti­sches Fei­gen­blatt“. Über 80 Pro­zent der Pati­en­ten, die die Ambu­lanz eines Kran­ken­hau­ses auf­zu­su­chen, sind kei­ne Not­fäl­le. Die Wahr­heit ist, das ins­be­son­de­re in länd­li­chen Regio­nen die Kran­ken­häu­ser als Ersatz für feh­len­de Land­arzt-Pra­xen in Anspruch genom­men wer­den. Den Kran­ken­häu­sern brin­gen die­se Pati­en­ten aller­dings erheb­li­che Ver­lus­te ein.

Gesundheit braucht Politik – Finanzielle Rahmenbedingungen ruinieren kleine Krankenhäuser

verlusteNach Berech­nun­gen der Deut­schen Kran­ken­haus-Gesell­schaft kön­nen sie gegen­über der KV im Dursch­schnitt pro Ambu­lant-Pati­ent ledig­lich 36.- Euro in Rech­nung stel­len. Die all­ge­mei­nen Betriebs­kos­ten eines Kran­ken­hau­ses lie­gen pro Pati­ent aller­dings bei durch­schnitt­lich 120.- Euro.

Ärz­te­funk­tio­nä­re der KV auf Bun­des­ebe­ne wer­fen Kran­ken­häu­ser an die­ser Stel­le immer wie­der vor, Pati­en­ten die die Not­fall-Ambu­lan­zen auf­su­chen, sta­tio­när auf­zu­neh­men, obwohl sie eigent­lich auch ambu­lant behan­delt – und damit an nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te zu über­wei­sen wären.

Fallpauschalen-Abrechnung zwingt zur Zentralisierung und Schließung kleiner Krankenhäuser

rahmenbedingungenUm die­sen seit Jahr­zehn­ten schwe­len­den Dau­er­kon­flikt ums lie­be Geld zu ent­schär­fen, sol­len wohn­ort­na­he Kran­ken­häu­ser geschlos­sen und durch soge­nann­te Medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­zen­tren ersetzt wer­den. Nach den Vor­stel­lun­gen der Pla­ner müs­sen die­se von den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten betrie­ben wer­den. Zen­tral­kran­ken­häu­ser, die von den Bal­lungs­räu­men ent­fernt errich­tet wer­den, sol­len sich dage­gen auf rein sta­tio­nä­re Behand­lung der Pati­en­ten fokus­sie­ren.

Bun­des­weit zeich­ne sich aber schon heu­te ab, dass dies „graue Theo­rie“ sei. Wo immer auch klei­ne­re Kran­ken­häu­ser „vom Markt“ genom­men wur­den, wür­den die soge­nann­ten „Not­fall-Ambu­lan­zen“ der übrig geblie­be­nen Häu­ser von den Pati­en­ten voll­stän­dig über­rannt.

Bundesbündnis Klinikerhalt: Gesundheitsvorsorge für Bürger bleibt auf der Strecke

Dies wer­de auch der geplan­ten Zen­tral­kli­nik in Georgs­heil wider­fah­ren. Das heu­te eine deut­li­che Mehr­heit der Bür­ger gegen die­ses Vor­ha­ben ein­ge­stellt sind, wer­de sich natür­lich in dem Augen­blick ändern, wenn die Zen­tral­kli­nik in Betrieb geht. Den Men­schen blie­be ja nichts ande­res übrig.

Die Kon­se­quenz wäre dann natür­lich, dass aus Aurich, Emden und Nor­den gleich­zei­tig die soge­nann­te Not­fall-Ambu­lanz in Georgs­heil auf­ge­sucht wird. Wei­ter­hin ist sehr wahr­schein­lich, dass auch die Zen­tral­kli­nik unter unver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen der Finan­zie­rung (DRG-Sys­tem) Defi­zi­te ein­fah­ren wer­de.

Schulden, Schulden – nichts als Schulden

euroBuch­hal­te­risch wer­de die Schul­den­last aus dem Neu­bau Zen­tral­kli­nik die­ser „aufs Dach“ gerech­net, Tat­sa­che ist aller­dings, dass die kom­mu­na­len Haus­hal­te dafür gera­de zu ste­hen haben. Zusätz­lich ver­schwin­den auch nicht die bis­lang auf­ge­lau­fe­nen Alt­schul­den der Häu­ser in Emden, Aurich und Nor­den. Die­se müs­sen zusätz­lich zur Neu­ver­schul­dung von den kom­mu­na­len Haus­hal­te abge­tra­gen wer­den.

Nach Ein­schät­zung von Kri­ti­kern des Vor­ha­bens, wer­de man spä­tes­tens ab 2027 über eine Pri­va­ti­sie­rung der Zen­tral­kli­nik zu spre­chen haben, jeden­falls dann, wenn die kom­mu­na­len Haus­hal­te die ein­ge­gan­gen Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen nicht schul­tern kön­nen. Soll­te es so kom­men, kön­ne im Extrem­fall die Kom­mu­nal­auf­sicht ein Macht­wort spre­chen.

kommunalaufsichtDamit wären alle Ver­spre­chun­gen, das Kran­ken­haus in kom­mu­na­ler Trä­ger­schaft zu betrei­ben, durch die Macht des öko­no­misch Fak­ti­schen und einem Feder­strich außer Kraft gesetzt.

Anzu­neh­men sei, dass dann weder Land­rat Harm-Uwe Weber noch Emdens Ober­bür­ger­meis­ter Bernd Bor­n­e­mann (bei­de SPD) in Amt und Wür­den sei­en. Die­ses Pro­blem hät­ten dann deren Nach­fol­ger auf dem Tisch, was man nie­man­dem wün­schen kann – unab­hän­gig davon, mit wel­chem Par­tei­buch die Nach­fol­ger in die­ses Amt gera­ten könn­ten.


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